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© Urban Zintel

Am Tatort mit
Max Bentow

 

In seinem neuen Psychothriller „Das Porzellanmädchen” zieht Bestseller-Autor Max Bentow alle Register des Grauens. Im Interview verrät der Schauspieler und Dramatiker, wie er seine Geschichten konstruiert, spricht über seine Verbindung zu den Figuren und über Gänsehaut beim Schreiben.

31.08.2017

D

ie junge Autorin Luna Moor wird zu Recht frenetisch gefeiert: Sie versteht es ganz hervorragend, den Leser in die dunklen Abgründe der menschlichen Seele zu entführen. Was ihre Bewunderer nicht ahnen: Diese Könnerschaft kommt nicht von ungefähr, Luna schreibt praktisch um ihr Leben. Als junges Mädchen wurde ihr ein Waldspaziergang zum Verhängnis. Sie geriet in die Hände eines Wahnsinnigen, der sie – angezogen von ihrer außergewöhnlich zarten Erscheinung – in ein Versteck verschleppte.

Als sie sich nach ein paar Tagen mit viel Glück daraus befreien konnte, waren unfassbare Dinge mit ihr geschehen. Die Erinnerung an diesen Mann und an das, was er ihr angetan hat, bestimmt seither ihr Leben. Eines Tages fasst Luna einen kühnen Entschluss: Sie will an den Ort ihrer Qualen zurückkehren. Sie möchte noch einmal – und ohne einen Wahnsinnigen im Nacken – in die bedrohliche Atmosphäre dieses Schicksalsorts eintauchen und versuchen zu verstehen, was damals geschah.

Schonungslose Konfrontation: Den Tatort neu begehen, um das Trauma aufzulösen?

Zusammen mit Leon, dem Sohn einer Freundin, richtet sie sich ein in dem Waldidyll, das keines ist, und kommt sehr bald zu einer schaurigen Erkenntnis: Mit dem Betreten dieses Hauses hat sie sich in einen Albtraum begeben, aus dem es kein Erwachen zu geben scheint. Erneut geschehen unfassbare Dinge, und Zweifel legen sich über das einsame Haus: Ist Luna wirklich das unschuldige Opfer, das sie vorgibt zu sein? Superspannend!

Max Bentow

im Interview

Ihre Heldin Luna sagt in einem Gespräch den Satz: „Wenn ich schreibe, bin ich stark.” Gilt das Gleiche für ihren Schöpfer?

Als Autor habe ich die Fäden in der Hand. Ich reagiere auf meine Umwelt. Eine Geschichte zu erzählen ist etwas sehr Tröstendes. Insofern fühle ich mich beim Schreiben auch stark.

Ihre Leser brauchen starke Nerven: Da wird ein Brustkorb mit der Axt geöffnet, man „hört” das Geräusch, das eine Axt verursacht, die aus einer Fleischwunde gezogen wird. Bekommen Sie beim Schreiben schon mal Gänsehaut?

Ja. Mich nimmt das teilweise ziemlich mit. Wenn ich Gänsehaut bekomme, ist das allerdings auch ein Zeichen dafür, ganz in meiner Geschichte zu sein. Das Schreiben versetzt mich dann in einen Erregungszustand, der auch dazu führen kann, dass ich nachts von meinen Figuren träume. An diesem Punkt bin ich mir sicher, dass ich die Story richtig im Griff habe.

Ich wollte wissen, wie dieses Monster hinter seiner Maske aussieht

 Max Bentow

Sie haben mal gesagt: Schreiben hat etwas Geisterhaftes. Man ruft die Figuren und wartet, bis sie kommen. Was haben Sie empfunden, als das Monster mit der Gasmaske vor Ihnen stand?

Angst. Großes Erschrecken. Ich hatte den gleichen Reflex wie meine Heldin Luna, ich wollte wissen, wie dieses Monster hinter seiner Maske aussieht. Ich wollte mit ihm ringen, es überwinden, deshalb hab ich mir auch stets gewünscht, dass Luna als Siegerin aus der Geschichte hervorgeht.

Es kommt auch eine schreibende Frau namens Maria vor, die sagt, alle Einzelheiten seien stets in ihrem Kopf präsent, sie müsse sie nur irgendwann herauslassen. Bentow über Bentow?

Das ist bei mir ein bisschen anders, da ich meine Geschichten sehr genau plane. Ich brauche ein Jahr pro Buch, und die Hälfte dieser Zeit verwende ich für die Gestaltung des Plots. Einfach herauslassen wäre also übertrieben.

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