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„Spannender als
mancher Krimi“

 

New York kann sehr klein sein: Deborah Feldman erzählt von ihrem beengten Leben in einer ultraorthodoxen Gemeinde, ihren wachsenden Zweifeln und ihrem Aufbruch in die Welt. Thalia Buchhändlerin Birgit Gebhardt aus Aurich empfiehlt die Autobiographie als eine packende Geschichte von Emanzipation und Freiheitsdrang.

14.09.2017

WORUM GEHT‘S?

Deborah Feldman erzählt die Geschichte ihres Lebens in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in New York. Von ihrer Kindheit bis zur Entscheidung, als junge Frau den Schritt in die weite Welt zu wagen, obwohl sie alles, was sie kennt, zurück lassen muss. Sie beschreibt unglaublich fesselnd, wie sie immer wieder und immer stärker an den strengen Regeln und Gesetzen ihrer Gemeinde zweifelt, denen sie sich nie völlig unterordnen kann. Schritt für Schritt gelingt es ihr, ihren Radius zu erweitern und schließlich mit ihrem Sohn den aufgezwungenen Ehemann zu verlassen.

TOLLSTER MOMENT?

Allen Kapiteln ist ein Buchzitat vorangestellt, da Deborah Feldman einen Großteil ihrer Kraft zur Emanzipation von ihrer Gemeinde aus der für sie verbotenen weltlichen Literatur zog. Eines dieser Zitate ist aus Pearl Abrahams "Die Romanleserin", deren Protagonistin ein ähnliches Leben führt. Der Moment, als sie diese Spiegelung erlebt und dadurch weiteren Mut schöpft, ist mir mehr als jeder andere im Gedächtnis geblieben.

Beschreibung eines Ausbruchs, der die Autorin von New York nach Berlin führte: „Unorthodox“ von Deborah Feldman.

WARUM ICH ES EMPFEHLE

Der Autorin gelingt es mit ihrer geschliffenen und genauen Sprache sofort, ihren Lesern unter die Haut zu kriechen. Ich war vom ersten Satz an gefesselt, da Deborah Feldman so großartig schreibt. Auch nach mehreren Monaten bin ich nachhaltig beeindruckt und denke häufig über Deborah Feldman nach. Schon als junges Mädchen sucht sie unbeirrbar nach jeder kleinen Flucht in die Freiheit des Geistes. Wenn sie davon erzählt, wie sie sich nach der Schule noch in eine öffentliche Bücherei schleicht, um dort verbotene englischsprachige Literatur auszuleihen, ist das spannender als so mancher Krimi. Ihre Worte lassen die Welt, in der sie gelebt hat, plastisch vor den Augen der Leser entstehen. Man sitzt fast neben ihr, wenn sie in ihrem Zimmer ein Buch aus dem Versteck holt oder ihre Freunde und Verwandten so lebendig charakterisiert, dass man sie vor sich sieht. Dabei kommt der Roman ohne laute oder besonders dramatische Szenen aus, was mir besonders gefiel. Denn dadurch empfand ich noch viel eindringlicher, wie unglaublich mutig diese Frau handelt, da sie so unbeirrbar stets dieses Ziel vor Augen hat: ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

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