Geschätzte Lesezeit: 5 min, 11 sec
© Stocksy

Zum Glück auch Pech gehabt

 

13 ehrliche und komische Kurzgeschichten erzählen von Pleiten und vom Scheitern im Leben von George Watsky. „Wie man es vermasselt“ ist das Prosa-Debüt des amerikanischen Poetry Slammers, Rappers, Musikers, Internet-Stars – und Überfliegers: auf Anhieb landet er auf der Bestsellerliste der New York Times.

10.10.2017

W

enn das Leben dir eine Zitrone gibt, mach Limonade draus. Oder, wie im Fall von George Watsky, ein Buch. Sein Motto könnte lauten: Wenn im Leben alles schief läuft, kann man das durchaus mal in ein Buch packen und in mehreren Erzählungen verarbeiten. „Wie man es vermasselt“ bietet nicht nur private Einblicke, sondern ist dazu auch noch sehr unterhaltsam. Denn Watsky ist ein künstlerisches Multitalent und sein bisheriges Leben damit alles andere als langweilig. Der Rap-Musiker, Lyriker und Dramatiker aus San Francisco hat mit seinen gerade mal 31 Jahren schon viel zu erzählen. Höchste Zeit, dass es sein Prosa-Debüt endlich auch auf Deutsch gibt.

Wäre im Leben des US-Amerikaners immer alles glatt gelaufen, wäre er vielleicht nie zum Schreiben gekommen. Denn in „Wie man es vermasselt“ geht es um Peinlichkeiten, Fehlstarts und Abfuhren. Und bevor die aufgeschrieben werden können, müssen sie erst einmal erlitten werden. Dazu hatte der Künstler Watsky bislang viele Gelegenheiten in den unterschiedlichsten Bereichen: Ob als Rapper, Poetry Slammer, auf Theaterbühnen oder in seinen Youtube-Videos. Watskys persönliche Seite spiegelt sich ebenso in den dreizehn Kapiteln wider. Sie erzählen von seinen Erfahrungen als junger Mann, als Freund und als Sohn.

Watskys Prosa-Debüt ist eine Sammlung autobiographischer Essays aus diesem vielfältigen Leben. Bei seinem Lebenslauf kann man sich eigentlich nur schwer vorstellen, dass Scheitern das zentrale Thema ist. Aber nur das Scheitern ergibt Geschichten, die es zu erzählen und zu erleben lohnt. Der beste Beweis dafür: „Wie man es vermasselt“ landete in den USA auf Anhieb auf der New York Times-Bestsellerliste.

„Wie man es vermasselt“ beschreibt in 13 Essays, was im Leben von George Watsky schon alles schief gelaufen ist.

George Watsky verwandelt in „Wie man es vermasselt“ die Pannen eines jungen Erwachsenen in etwas Wertvolles. Er erzählt sie brutal ehrlich und brüllend komisch und bringt seine Leser damit zum Lachen, Träumen und Augenverdrehen. Die Kurzgeschichten kommen mitten aus dem Leben und entlocken dadurch beim Lesen auch das ein oder andere verständnisvolle Nicken.

George Watsky im Interview

Wie man es vermasselt“ ist Ihr erstes Buch, aber schreiben tun Sie seit langem. Wann haben Sie damit begonnen?

Ich habe mit 15 Jahren angefangen, Gedichte zu schreiben – jetzt bin ich 31, also schreibe ich mein halbes Leben lang. Meine Anfänge liegen beim Spoken Word und Poetry Slam, aber später habe ich an der Uni dramatisches Schreiben studiert. Ich wollte schon immer ein vielseitiger Schriftsteller werden.

Sie sind vielbeschäftigt und erfolgreich als Rapper mit Tourneen in Europa und den USA. Wie haben Sie die Zeit gefunden, dieses Buch zu schreiben?

Die Stories in „Wie man es vermasselt“ sind 2015 entstanden. Ich habe mir dafür anderthalb Jahre Tournee-Pause geleistet. Am Anfang hatte ich Angst davor, eine Auszeit vom Rap zu nehmen, denn es gibt einen enormen Druck, immer sichtbar und am Ball zu bleiben. Und ein Buch zu schreiben ist etwas komplett anderes, da gibt es keine sofortige Bestätigung wie auf Social Media oder, bis zu einem gewissen Grad, bei der Musik. Es war ein langsamer und bewusster Prozess, aber ich wollte unbedingt zeigen, dass ich mehr bin als ein Rapper und Lyriker, und das war es mir wert. 2016, nachdem mein Buch in Amerika erschienen war, bin ich wieder auf Tour gegangen, und mein Publikum war noch immer da. Ich fühle mich nun freier darin, mir Zeit zu nehmen für die Projekte, für die ich brenne.

In Ihren Stories schreiben Sie offen über Ihre Schwächen, über Fehlschläge und Sackgassen in Ihrem Leben. Was bedeutet Scheitern für Sie?

Das Scheitern ist eine Chance für eine Neuentwicklung. Wenn man etwas riskiert und mutige Dinge ausprobiert, dann wird man ab und zu scheitern. Vielleicht sogar die meiste Zeit. Das ist keine Schande. Das wirkliche Scheitern besteht darin, es nicht zu versuchen.

Irgendwann, vielleicht sogar schon bald, will ich mich vom autobiographischen Material lösen.

 George Watsky

Sie sind ein künstlerisches Multitalent: ein Schriftsteller, ein Poetry Slammer, ein Schauspieler, ein Musiker, und Sie produzieren Ihre eigenen Musikvideos. Gibt es eine künstlerische Disziplin, die Sie gerne noch ausprobieren möchten?

Ich träume davon, Romane zu schreiben, und diese dann in Drehbücher umzuwandeln. Die Stories in „Wie man es vermasselt“ sind ja autobiographisch – irgendwann, vielleicht sogar schon bald, will ich mich vom autobiographischen Material lösen. Nick Cave ist eine Inspiration für mich, wie er von der Musik zu einem Buch, einem Drehbuch oder irgendetwas anderem wechselt.

Welche Künstler haben Sie in letzter Zeit noch inspiriert?

Auf der gleichen Wellenlänge wie Nick Cave inspiriert mich Donald Glover, der ein unglaublich vielseitiger Künstler ist. Unerschrocken probiert er neue Medien aus und lernt jede neue Disziplin von der Pike auf. Und der Spoken-Word-Künstler Saul Williams war eine frühe Inspiration: Bei ihm habe ich zum ersten Mal gehört, wie jemand melodiöse Refrains mit Poesie vermischt und über einen Beat legt. Im Allgemeinen bewundere ich Künstler, die kontinuierlich wachsen, die sich nicht in eine Schublade stecken lassen und sich weigern, immer wieder dasselbe machen, auch wenn sie wissen, dass sie damit Erfolg haben würden.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Derzeit plane ich ein Doppelalbum: Die eine Hälfte soll ein Peter-und-der-Wolf-artiges Spoken-Word-Storytelling-Projekt werden und die andere ein eher traditionelles Musikalbum, das thematisch von der ersten Hälfte beeinflusst ist. Danach würde ich gerne ein paar Kurzfilme drehen, und vielleicht den einen oder anderen daraus auf Spielfilmlänge ausdehnen – je nachdem, welche Geschichte gut funktioniert. Am liebsten möchte ich mein Leben lang zwischen allen Kunstformen hin- und herspringen und versuchen, immer besser zu werden.

thalia logo