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Karlas beste Blogger: Der Kaffeehaussitzer

 

Wie finde ich mich zurecht im Bücher-Dschungel? Literatur-Bloggerin und Thalia Stories Autorin Karla Paul sucht Rat bei ihrer Lieblingsbuchhändlerin oder lässt sich von Buchprojekten im Netz inspirieren. Einer dieser Literaturwegweiser ist der „Kaffeehaussitzer“ Uwe Kalkowski, den Karla Paul zum Interview eingelanden hat. Ein Gespräch über endlose Stunden im Café und Leseerlebnisse, die wie Faustschläge wirken.

14.04.2016

Wie auch viele andere Leser stehe ich inzwischen schon fast erschlagen in der Buchhandlung – welche der jährlich über 90.000 Neuerscheinungen sind meine Freizeit wert? Welche entsprechen genau meinem Geschmack und wurden schon Seite um Seite auf ihren Unterhaltungswert geprüft? Also suche ich Rat bei meiner Lieblingsbuchhändlerin oder lasse mich von den vielseitigen Buchprojekten im Netz inspirieren. Einer dieser Literaturwegweiser ist der sogenannte „Kaffeehaussitzer“ Uwe Kalkowski. Der ehemalige Buchhändler empfiehlt auf seiner Webseite seit Sommer 2013 persönlich und unaufgeregt, aber dennoch begeisternd klassische sowie moderne Literatur. Ein Mann, für den das Lesen und die tägliche Auseinandersetzung mit Worten ebenso lebenswichtig ist wie für mich, möchte ich Euch gern vorstellen. Nachdem wir uns über viele Monate auf Twitter die Empfehlungen hin- und herspielten, lud ich ihn jetzt für Thalia Stories zum Interview ein.

Viele Blogger starten ihre Seiten aus privater Leidenschaft zum Lesen - Du bist hingegen beruflich ausgebildeter Literaturliebhaber, genauer gesagt arbeitest Du schon seit 1993 in der Branche. Wie hat bei Dir damals alles angefangen und wohin haben Dich die Jahre getrieben?

 

Am Anfang war der Zufall. 1993 studierte und jobbte ich vor mich hin, war mit beidem nicht sonderlich glücklich. Dann traf ich in der Stadt einen Bekannten, der mir erzählte, dass er gerade sein Studium abgebrochen habe und jetzt eine Buchhändlerlehre beginnen würde. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Es war, als wäre ein Vorhang weggezogen worden und plötzlich lag ein Weg kristallklar vor mir. Also brach ich am nächsten Tag auch mein Studium ab und kümmerte mich dann um einen Ausbildungsplatz in einer Buchhandlung. Und spätestens als ich kurz nach Beginn der Lehre zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse war, da wusste ich, dass ich diese Branche freiwillig nie wieder verlassen würde. Es folgten ein paar Jahre als Buchhändler in großen und kleinen Buchhandlungen; dann führte mich das Studium der Verlagswirtschaft ins schöne Leipzig. Seit 2001 arbeite ich als Marketingmensch in verschiedenen Fachverlagen und bin seit 2009 Marketingleiter des RWS Verlags in Köln, einem Verlag für juristische Fachliteratur. In Zeiten des digitalen Wandels sind die Entwicklungen im Bereich der Fachmedien eine sehr spannende Sache; gleichzeitig liebe ich es, mich über Literatur auszutauschen und so entstand als Herzblutprojekt mein Blog Kaffeehaussitzer.

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Wie kamst Du dann ins Netz bzw. zum Bloggen und warum hast Du Dich für diesen Titel entschieden?

 

Das Netz und ich: Die Geschichte einer langsamen Annäherung. Nein, im Ernst, zwar habe ich mich beruflich stets über die Entwicklungen gerade im Bereich der sozialen Medien auf dem Laufenden gehalten, privat war das aber ein eher schleichender Prozess. Erst einmal ein Xing-Profil, dann zum Ausprobieren einen Twitter-Account, irgendwann Facebook, spätestens als mir klar wurde, wie viele Menschen, mit denen ich gerne Kontakt halten wollte, ich dort wiedertreffen würde. Auf Facebook habe ich dann auch regelmäßig über Bücher berichtet, die ich gerade gelesen hatte. Schon als Buchhändler war es ein regelrechtes Bedürfnis, meine Begeisterung über ein Buch zu teilen – und so war der Blog eigentlich nur der nächste Schritt. Den Blog „Kaffeehaussitzer“ zu nennen war für mich von Anfang an klar, dieser Name spukte schon eine Weile im Kopf herum. Der Grund? Den habe ich im Blog aufgeschrieben: „Wie viele Stunden meines Lebens ich Bücher lesend in Kaffeehäusern und Cafés verbracht habe, weiß ich nicht. Sehr viele auf jeden Fall. Ort und Tätigkeit gehören für mich untrennbar zusammen. Genauso untrennbar sind viele Bücher mit Erinnerungen, Geschichten und Erlebnissen verbunden. Ein paar davon erzähle ich hier.“ Und damit ging der Kaffeehaussitzer im Juni 2013 online. Irgendwie kam dann eines zum anderen, etwa die Bücher auf eine bestimmte Art photographisch in Szene zu setzen oder für die wechselnden Titelbilder Kaffeehaus-Details zu photographieren. Bei alldem ist bei der Namensgebung natürlich eine Art Wunschgedanke, denn allzu viel Zeit um lesend im Café zu sitzen, lässt einem der Alltag natürlich nicht.

Ehemaliger Buchhändler, Marketingleiter und Herzblut-Blogger: "Kaffeehaussitzer" Uwe Kalkowski

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Was macht Literatur mit Dir? Was empfindest Du bei einem guten Buch bzw. wie stellst Du fest, dass Du etwas Besonderes in den Händen hältst?

Es gibt Bücher, die bereichern das Leben. Sie erweitern den Horizont, zeigen den eigenen Gedanken neue Wege auf. Führen einen beim Lesen in fremde Welten oder zeigen unbekannte Lebensentwürfe. Sie können dabei unterhalten, aber auch wehtun. Sie machen nachdenklich und sie hallen lange im Kopf nach. Das sind die wichtigen, die besonderen Bücher, auf die man als Leser von Zeit zu Zeit stößt. Im letzten Jahr waren das für mich z.B. „An den Rändern der Welt“ von Olivier Adam oder „Mehr als wir sind“ von Jürgen Neffe. Und ein Roman, der mir im Gedächtnis geblieben ist wie kaum ein anderer, ist „Die Straße“ von Cormac McCarthy. Ein Buch wie ein Faustschlag und ein Leseerlebnis, das man ein Leben lang nicht mehr vergisst.

Was möchtest Du bei den Bloglesern bewirken? Dass sie mehr lesen, anders lesen?

Es gibt Menschen, für die ist Lesen eine Form des Zeitvertreibs. Für andere ist es ein Lebensinhalt. Zu diesen zähle ich mich auch, Lesen und Bücher sind für mich überlebenswichtig. Gleichzeitig habe ich keine Ahnung, wann ich das letzte Mal vor dem Fernseher saß, um mich mit wildem Gezappe quer durch die Programme berieseln zu lassen – solch ein Abend ist mir vollständig fremd. Denn man hat nur ein Leben und es gibt unendlich viele Bücher, die gelesen werden wollen; ein Problem, das alle leidenschaftlichen Leser auf der ganzen Welt kennen. Aber um auf die eigentliche Frage zu antworten: Ich möchte für Bücher begeistern, die mich begeistert haben. Möchte meine Leidenschaft mit anderen Menschen teilen und hoffe, dass sie durch die Blogbeiträge ansteckend wirkt.



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