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Michael Sommer in seiner Küche
© Antonia Pütz

Karlas beste Blogger:

„Sommers Weltliteratur to go“

 

Wie finde ich mich zurecht im Bücher-Dschungel? Literatur-Bloggerin und Thalia Stories Autorin Karla Paul sucht Rat bei ihrer Lieblingsbuchhändlerin oder lässt sich von Buchprojekten im Netz inspirieren. Und fand diesmal Literatur, wie man sie aus dem Unterricht kennt: von Goethes Faust bis hin zu Shakespeare – Michael Sommer bricht auf Weltliteratur to go große Klassiker auf Videoclips herunter. Unterhaltsam, knackig kurz und mit Playmobilfiguren in den Hauptrollen.

18.07.2016

Empfehlungen für neue Romane und Sachbücher gibt es viele – die Buchhändler sind perfekt informiert und mit Vorschauen versorgt, die Blogger posten aufgeregt ihre Lieblingstitel der kommenden Monate. Aber wer kümmert sich eigentlich um die Klassiker? Wer zeigt uns, dass die alte Literatur weiterhin lesenswert ist? Der Theaterregisseur Michael Sommer begeistert mich und Tausende Leser und Zuschauer auf seinem YouTube-Kanal „Sommers Weltliteratur to go“ für Goethe, Shakespeare und F. Scott Fitzgerald & Co, in dem er in wenigen Minuten die Handlung unterhaltsam mit Playmobil-Figuren nachspielt! Wie kommt man vom klassischen Theater zum Booktubing – diese und weitere Fragen im Thalia Stories Interview:

Lieber Michael – wie kam es zum VIDEOPROJEKT „SOMMERS WELTLITERATUR TO GO“?

Im Küchen-Atelier: Michael Sommers Kurzfilme entstehen zwischen Esstisch und Herd

Michael Sommer baut Playmobil-Filmset in Küche auf
© Antonia Pütz

Also: Wie bringe ich eine Schulklasse dazu, sich eine hunderte Jahre alte Geschichte anzuschauen? Wie bringe ich eine 80jährige Abonnentin dazu, sich eine schräge, neue Geschichte anzuschauen?

Als wir Hamlet in Ulm spielten, habe ich einen Hamletmarathon gestartet – acht Hamlet-Verfilmungen und acht kleine Shows. Unter anderem habe ich jedes Mal eine Szene des Stücks mit Playmobilfiguren nachgespielt. Das war meine erste Zusammenarbeit mit den Plastikdarstellern; drei Jahre später habe ich sie dann bei einer Einführung zu Dantons Tod wieder ausgegraben. Anfang letzten Jahres nahm ich mir dann die Zeit, das Format auszubauen – und besessen, wie ich bin, wurde dann gleich eine wöchentliche Einrichtung daraus.

Irgendwie scheine ich einen Hang zum Oberlehrer zu haben, oder vornehm gesagt: Ich frage mich immer wieder, wie man Literatur lustvoll vermitteln kann. Zum Beispiel, indem man auf die Belohnungsregionen des Gehirns haut: Geschichten machen Spaß, sind unterhaltsam, berühren – gebt Ihnen eine Chance. Das richtet sich nicht nur an diejenigen, die sowieso schon Fans sind, sondern an diejenigen, die Bücher als natürliche Feinde betrachten. Ich habe als Dramaturg am Theater in Ulm gearbeitet und da stellt sich die Frage nach der Vermittlung von Literatur und Theater stets aufs Neue.

So ein Theater: Sommer arbeitete als Dramaturg, Autor und Regisseur

Michael Sommer
© Privat

Deine Videos sind ein großer Erfolg auf YouTube. Die beliebtest Episode mit über 100.000 Abrufen ist „Faust I to go“, deswegen hier noch einmal die Superkurze Inhaltszusammenfassung in drei Sätzen:

Heini Faust ist Akademiker und Single mit Niveau und Midlifecrisis, also holt er sich einen Pudel ins Haus. Der stellt sich als Teufel namens Mephisto heraus, was aber auch an Fausts Experimenten mit bewusstseinserweiternden Erfahrungen liegen könnte. Jedenfalls macht er eine Hormontherapie, hat eine Affäre mit Gretchen, die seine Enkelin sein könnte, in deren Verlauf versehentlich die gesamte Familie des Mädchens ausgelöscht wird, was aber religiös völlig in Ordnung ist.

Ein einfacher und bunter Einstieg in die Weltliteratur: Michael Sommer erzählt Faust I in humorvollen neun Minuten

Bei welchen Klassikern lohnt sich die Langfassung im Original?

 

1. MICHAEL KOHLHAAS
Es mag präsenile Demenz sein, aber ich verliere mich unglaublich gern in Erzählungen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Und keine ist so heimtückisch, so atemberaubend, so„addictive“ wie Kleists Geschichte von dem einsamen Cowboy auf Rachefeldzug. Wer sich die Mühe macht, die ersten paar Megasätze zu schlucken und sich auf die Zumutung von Onkel Heinis ewig langen Gedankengängen einlässt, dem prophezeie ich eine Bewusstseinserweiterung.

2. DER KAUFMANN VON VENEDIG
Das ist ein rätselhaftes und großes Stück von Shakespeare, nennt sich Komödie und erzählt doch von Hass, Verfolgung, Mordversuch. Vielleicht das beste Beispiel dafür, dass man eine schöne und leichte Liebesgeschichte nur erzählen kann, wenn sie auch eine abgründige Seite hat.

3.DAS KUNSTSEIDENE MÄDCHEN
Eine lustige Geschichte, eine traurige Geschichte, von einem Mädchen aus einer„mittleren Stadt“, die ein Star werden möchte. Klingt nach „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germanys next Topmodel“, ist aber fast hundert Jahre alt, und so charmant und plaudernd erzählt, als ob es eine Freundin wäre, die da von sich erzählt. Hach.

 

Romeo und Julia von William Shakespeare

Bei aller Begeisterung für klassische Literatur – kannst Du uns auch moderne Lektüre empfehlen?

 

TIPP 1: „Der Club der Unsichtbaren“ ist der schreckliche deutsche Titel von Terry Pratchetts Scheibenwelt-Roman „Unseen Academicals“. Ich habe beinahe alle Scheibenwelt-Romane gelesen, und nachdem Sir Terry Anfang letzten Jahres verstorben ist, gehe ich sehr sorgsam mit meinem Vorrat an noch verbleibenden Romanen um, denn diese Mischung aus absurdem Humor und rotziger Fabulierlust sagt mir sehr zu. Es sind ja immer Verhackstückungen der Kulturgeschichte, die Pratchett zu Papier bringt, also irgendwie in der Nähe meiner eigenen Arbeit, vielleicht mag ich sie deshalb so gern. In „Unseen Academicals“ geht es jedenfalls um Fußball und Akademiker, es wäre überflüssig, die Geschichte zusammenzufassen: Wer mal an einer Uni war (zumal in Oxford) wird es lieben; wer mal in einem Stadion war vielleicht auch.

TIPP 2: Über „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq ist viel geredet und geschrieben worden, und auch wenn die Motive des Autors im skandalträchtigen Komplex zwischen Islamophobie, Terrorangst und Fremdenfeindlichkeit  recht unentwirrbar scheinen: Schreiben kann er. Ich hatte das Gefühl, zu etwas unmoralischem verführt zu werden, während ich mich auf diese Geschichte einließ. Das lässt sich hinterher auch wieder abwaschen, aber ist auch eine lustvolle Erfahrung: Man fühlt sich ein bisschen schmutzig, nach dem Lesen.

TIPP 3: Wie vielleicht die meisten Menschen lebe ich in einem immer währenden Wechselspiel der Gewichtsgezeiten – und der Tidenhub auf der Waage kann seeehr groß sein. Deshalb empfinde ich eine große Bewunderung für Menschen, gerade diejenigen der etwas korpulenteren Erscheinung, die ihr Gleichgewicht gefunden haben. Also: Seelisch, aber eben auch körperlich.

Beeindruckende Zahlen: Knapp 19.000 Abonnenten folgen seinen unterhaltsamen Interpretationen

Küchenfilmset mit Playmobilfiguren
© Antonia Pütz

Ein solcher ist George Simenons „Kriminalkommissar Maigret“. Er ist groß, schwer, liebt das Essen und das Rauchen und ist ein grummeliger Einzelgänger, der sich nie in die Karten gucken lässt. Ähnlich wie bei den Scheibenwelt-Romanen teile ich mir das Lesen der Maigret-Episoden gut ein, denn nachdem Simenon 1989 gestorben ist, wird's wohl keine neuen mehr geben. Glücklicherweise hat er ein gerüttelt Maß an Maigretromanen hinterlassen, deren ich gar keinen einzeln hervorheben kann, weil ich mich (komischerweise) bei ihnen selten an die Fälle erinnere, was aber für Krimis genial ist, denn so kann man sie immer wieder lesen und es lohnt sich ernsthaft, die hübsche Hardcover-Reihe von Diogenes zu vervollständigen. Also: Für den Urlaub unbedingt ein paar Maigret-Bände einpacken!

Michael Sommer stellt sich und das Projekt auf seinem YouTube-Kanal vor

Die unterhaltsamen Kurzfilme finden Sie auf YouTube und auf Michael Sommers Projektseite, die vom Reclam-Verlag präsentiert wird. Zusätzliche News und Informationen zu Sommers vielfältigen Tätigkeiten stehen auf seinem Blog bereit.





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