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© Willing-Holtz

Am Meer mit
Klaus-Peter Wolf

 

In diesen Geschichten ist vieles echt: Klaus-Peter Wolf liebt es, sein persönliches Umfeld in Ostfriesland in die eigenen Krimis einzubauen. Wir durften den gebürtigen Gelsenkirchener zuhause besuchen, beim Deichspaziergang über Schreibroutinen sprechen und mit Vorbildern für seine Figuren plaudern. Ein Werkstattbericht mit Video.

18.06.2017

Ohne trifft man ihn nicht an. Egal ob auf seiner Terrasse, im Strandkorb, im Intercity, im Hotelbett oder unterwegs in Nordens Altstadt: Die rotschwarze Kladde und sein Füller sind immer dabei. „Am Schreibtisch sitze ich praktisch nur, wenn ich meine Steuererklärung machen muss oder Korrespondenzen beantworte“, sagt Klaus-Peter Wolf. Von Beginn an schreibt er ausschließlich mit schwarzer Tinte: „Nach einer Weile habe ich das Gefühl, gar nicht mehr selbst zu schreiben, sondern nur zu lesen, was mein Füller Aufregendes zu Papier bringt.“

Im Video nimmt uns Klaus-Peter Wolf mit auf einen Streifzug durch Norden in Ostfriesland. In dem Küstenort treffen wir den Maurer Peter Grendel und den Konditor Jörg Tapper, die lebenden Vorbilder für Wolfs literarische Figuren.

Schon als Achtjähriger in Gelsenkirchen will er Geschichtenerzähler werden, seine erste veröffentlicht er mit 14. „Über meinen saufenden Vater. Ich war verzweifelt und habe meinen Frust runtergeschrieben.“ Das erste Buch erscheint drei Jahre später. Stringent verfolgt er sein Ziel und wird ein beachteter junger Autor im Ruhrgebiet. Dann der Super-GAU. 1978, mit nur 26 Jahren, ist er in Köln Geschäftsführer eines literarischen Autorenverlags: „Wir wollten es den Großen in der Branche zeigen.“ Doch nach nur elf Monaten fährt er den Verlag mit 2,7 Millionen D-Mark Schulden vor die Wand. „Das war eine harte Zeit. Die anderen Mitgründer fühlten sich nicht zuständig, ließen mich mit der Chose allein. Freunde mieden mich. Was blieb, war, nicht drüber nachzudenken und arbeiten, arbeiten, arbeiten.“

fundierte recherche

 

Er ruft Verlage an. Sein Angebot: „Wer mir für ein halbes Jahr mein Leben garantiert, der bekommt meinen neuen Roman.“ Einer tut’s. „Vielleicht gibt’s die Biscaya gar nicht“ wird sein erster Bestseller. Wolf zieht mit Frau in den Westerwald, lebt studentisch sparsam und malocht. Schreibt Serien für Magazine, Drehbücher fürs Fernsehen, ein Dutzend Hörspiele und Romane. 25 Jahre dauert es, bis er alle Schulden getilgt hat. „Diese Erfahrung hat mich geprägt“, sagt Klaus-Peter Wolf. „Ich könnte heute meine Figuren nicht in solcher Tiefe erzählen, wenn ich das alles nicht erlebt hätte.“ Von Beginn an sind seine Bücher fundiert recherchiert, und viele seiner Figuren stehen ihm emotional nah, sind oft nicht mal fiktiv. Für den Roman „Traumfrau“ etwa gründet er die Firma Hot Pants – mit Steuernummer vom Finanzamt. Geschäftsgebiet: Mädchenhandel. Zwei Jahre arbeitet er in dem kriminellen Gewerbe. Das Buch wird nicht nur ein Bestseller, sondern auch ein Politikum in Bonn.

Von Ostfriesland bis in die Schweiz: Wenn Klaus-Peter Wolf nicht gerade seine Ostfriesenkrimis schreibt, ist er oft auf Lesereise im deutschsprachigen Raum unterwegs.

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Meine Freunde sind der Polizeichef von Ostfriesland und andere Polizisten. So bin ich immer ganz nah dran.

2003 kommt Klaus-Peter Wolf, schuldenfrei und schon sehr erfolgreich, nach Norden. Eigentlich sucht er mit seiner zweiten Frau, der Liedermacherin Bettina Göschl, nur einen Rückzugsort am Meer, doch dann verlieben sie sich in Ostfriesland, und der Rest ist Bestsellergeschichte. Elf Ostfriesenkrimis sind seitdem entstanden, natürlich minutiös recherchiert. „Meine Freunde sind der Polizeichef von Ostfriesland und andere Polizisten. Da bin ich immer ganz nah dran.“

Schreiben auf die klassische Art: Der Autor nutzt am liebsten einen Füller, um seine Manuskripte zu verfassen.

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Denn er ist sich sicher: „Im Kriminalroman suchen die Menschen nach der Wahrheit, und gute Romane sind in Raum und Zeit klar verortet. Charakter-Driven, nicht Plot-Driven sind meine Ostfriesenkrimis.“ So finden sich in allen Ostfriesenkrimis Nordener Mitbürger mit ihrer echten Persönlichkeit: Sein Nachbar, der Maurer Peter Grendel, und die Konditoren Jörg und Monika Tapper vom Café ten Cate, in dem er seine Schreibecke hat, sind Freunde seiner Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Oder der Journalist Holger Bloem vom „Ostfriesland Magazin“, der ein wichtiger Vertrauter der Ermittlerin ist. Auch Wolfs fröhliche, resolute Haushaltshilfe Gudrun Garthoff findet sich in gleicher Position in den Büchern wieder.

Wie viele der real existierenden Personen sind natürlich auch sämtliche Locations in den Krimis echt. Er kennt sich in Ostfriesland inzwischen aus wie kein Zweiter. Auf Wangerooge hat Wolf ein Ferienhaus, wo er nach circa acht Monaten seine Manuskripte in nur vier Wochen endfertigt. Und na klar spielen Begebenheiten oft auch dort, wo er jeden Priel kennt. Das Echte, das Nachvollziehbare lieben seine Fans besonders. Und das ist in Norden zu einem ernst zu nehmenden Umsatzfaktor geworden.

Zu Hunderten reisen sie im März zur jährlichen Buchpremiere in der Sparkasse an, buchen ihre Ferien in Norden und schauen im Distelkamp vorbei. Sie buchen Wolf-Stadtführungen und machen Sieben-Stunden-Bustouren zu allen Schauplätzen aus den Büchern. Sie essen im Hotel Smutje oder im Aggi Huus. Im Museum fotografieren sie sich mit dem froschgrünen Twingo aus dem „Ostfriesenkiller“-Film; treffen sie auf den Autor, sind Autogramm und Selfie fällig. Und eines ist ganz sicher: Wer hier an einer Theke über ihn ablästert, kann sich leicht eine blutige Nase einhandeln.

Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden: Klaus-Peter Wolf arbeitet gerne im Café, beobachtet seine Umgebung und versüßt sich den Tag mit einem leckeren Stück Kuchen.

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