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Karla Paul Lieblingsbücher
© Evgeny Makarov

Karla Paul: Stories meines Lebens

 

Die Hamburger Literaturbloggerin und neue Stories-Redakteurin präsentiert Bücher, die sie nachhaltig geprägt haben – und die sie in ihrem Leben nicht mehr missen möchte.

29.02.2016

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enn es den personifizierten Büchernerd gibt, dann ist es Karla Paul. Sie liest morgens zum Aufwachen die ersten 100 Seiten, verbringt ihre Wochenenden am liebsten in Buchhandlungen, ihre besten Freundinnen sind Buchhändlerinnen, ihr Lebensgefährte Autor, sie moderiert Lesungen, schreibt selbst, verlegt Bücher und braucht regelmäßig Tage ohne menschlichen Kontakt – vergraben in der Welt der Bücher. Dass die 32-Jährige dann noch am 23. April geboren wurde – dem Welttag des Buches – ist schon fast eine Selbstverständlichkeit.

Buchbloggerin Karla Paul
© Evgeny Makarov

Seit 2006 schreibt Karla Paul, eine der am besten vernetzten Frauen der Buchwelt 2.0, auf ihrem Blog „Buchkolumne“ über Bücher und Autoren, die ihr am Herzen liegen. Wir treffen die 32-Jährige zur Produktion einer neuen Folge von „Stories meines Lebens“ in der „Mathilde“, einem Café im Hamburger Stadtteil Ottensen. Ein Ort, der genauso von Büchern wimmelt wie ihre Wohnung, die nur wenige Straßen entfernt liegt. „Ein Buch zu schreiben oder zu lesen ist meist eine sehr einsame Tätigkeit. Wenn man Bücher gemeinsam mit anderen Büchernerds diskutiert, entdeckt man sie auf eine ganz andere Art und Weise nochmal neu,“ erzählt die studierte Betriebswirtin und Mediendesignerin im Interview. Das Netz sei dafür der beste Ort. Schnelle Rückmeldungen, unabhängig von Ort und Zeit, eine große Community und ehrliches Feedback machten dieses Medium einzigartig, so Paul.

UNTERHALTUNG UND INTELLEKTUELLE FORDERUNG

Bücher sind für den bekennenden Büchernerd eine Möglichkeit, Dinge zu erleben, die man so im Alltag nicht erleben würde, ganz ohne sich physisch fortzubewegen, nur mit der Kraft der Phantasie und einer guten Geschichte. Doch was macht für die „Literaturpäpstin“ ein gutes Buch aus? „Gute Bücher müssen mich intellektuell fordern, aber auch unterhalten. Das ist eine ganz schwierige Mischung. Wenn das gelingt, dann ist das für mich ein gutes Buch.“ Uns hat Karla Paul die vier Bücher verraten, die sie in ihrem Leben besonders geprägt haben.

Michael Ende: Die unendliche Geschichte

Kaum ein Roman kann meine Liebe zur Literatur besser in Worte fassen, als der Klassiker „Die unendliche Geschichte“. Seit ich es als Kind das erste und danach noch viele Male las, begleitet es mich mit seinen Worten und seiner Botschaft. Literatur ist für den Protagonisten Bastian ebenso lebenswichtig wie für mich. Er reist in den Roman und wird davon völlig gefangen genommen, sein Leben wird unmittelbar mit dem der Geschichte verknüpft. Ebenso sollte es uns mit allen Büchern gehen, aber nur die Besten tragen es in sich - sie sollten uns etwas lehren, uns lieben und lachen lassen und uns die Fähigkeit aufzeigen, Welten in uns selbst und für andere zu erschaffen.

Scarlett Thomas: Troposphere

„Wenn Sie hörten, dass es irgendwo ein verfluchtes Buch gäbe und Sie fänden es in einem Buchladen – würden Sie Ihr letztes Geld dafür ausgeben?“ Die literaturbesessene Studentin Ariel Manto stößt in einem Antiquariat auf exakt dieses Buch und kann nicht widerstehen. Immer tiefer dringt sie in die  Geschichte vor und reist mitsamt dem Leser in die aberwitzige und lebensgefährliche Troposphäre! Autorin Thomas schuf eine faszinierende Mischung aus „Alice im Wunderland“, „Sophies Welt“ sowie „Die unendliche Geschichte“. Wer auf verrückte Experimentalliteratur mit einem Hauch Philosophie steht – herzlich willkommen! Ich habe mich selten mit einem Roman so auf einem drogenähnlichen Trip gefühlt!

Sylvia Beach: Shakespeare & Company

Sylvia Beach eröffnete am 19.11.1919 ihre amerikanische Buchhandlung in der französischen Hauptstadt und verkaufte dort nicht nur englischsprachige Titel, sondern schuf auch einen Treffpunkt für die damalige Literaturelite. James Joyce, Ernest Hemingway, Thornton Wilder uvm. schrieben und diskutierten dort und machten „Shakespeare and Company“ zur inzwischen wohl berühmtesten Buchhandlung der Welt. Diese autobiografische Erzählung der Gründerin ist eine Reise durch die moderne Literatur und damit Pflichtlektüre für jeden Bibliophilen wie mich! Ich stieß auf einem Flohmarkt auf eine antiquarische Ausgabe, versank völlig darin, pflasterte sie mit Zitatmarkierungen und träume ganz heimlich von meiner eigenen, modernen Version so einer Buchhandlung ...

Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

„Ich würde wieder mehr Vertrauen in dieses Land haben, wenn ich dieses Buch in den nächsten Monaten und Jahren aus vielen Jackentaschen ragen sähe.“ So schreibt Elke Heidenreich im Nachwort über diese kleine Briefnovelle, die mir auf nicht einmal 60 Seiten das Herz gebrochen hat. Die sechzehn Briefe begleiten eine Freundschaft über die Zeit des Nationalsozialismus und prüfen, wie viel sie wert ist. Der Stempel „Adressat unbekannt“ richtet dem Absender formlos aus, dass es denjenigen nicht mehr gibt, dem hier liebende Worte geschrieben wurden, doch die exakten Umstände lehrten mich und hoffentlich auch andere Leser viel – es ist für mich eine Mahnung was geschah und jederzeit wieder geschehen kann, wenn ich nicht wach bleibe, meine Rechte nutze und dafür einstehe.





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