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Martin Suter
© Maurice Haas

Im Zirkus mit
Martin Suter

 

Märchenhafte Betrachtung eines brisanten Gesellschaftsthemas: Skrupellose Genforscher machen Jagd auf einen rosaroten Mini-Elefanten. Doch ein Obdachloser und ein Zirkusdompteur geben alles, um das Tier zu schützen. Im Interview verrät Martin Suter, wer ihn zu seinem Bestseller „Elefant“ inspirierte und wie er bei Recherchen vorgeht.

10.05.2017

In seinem neuesten Roman unterscheidet Martin Suter strikt zwischen Gut und Böse, „Elefant“ kennt keine Grautöne. Die einen sind geldgierig, die anderen idealistisch. So sind die Sympathien klar verteilt und der Leser fiebert von Beginn an mit. Und auch ansonsten weiß der Meister, welche Elemente einen Roman ausmachen, der unterhält: Es wird von Liebe, Macht und deren Missbrauch erzählt. Ländergrenzen werden durchbrochen. Mit den Gefahren und Möglichkeiten der Genforschung steht zudem ein spannender thematischer Hintergrund bereit. Die Jagd auf das fabelhafte Tierwesen beginnt!

Sabu Barisha, die kleine Elefantenkuh, besitzt eine wundersame Eigenschaft: sie leuchtet im Dunkeln! Als Ergebnis eines wissenschaftlichen Experiments gehört sie zu den größten Erfolgen des Gentechnikers Paul Roux. Dieser folgt seinen skrupellosen und wirtschaftlichen Interessen. Ein Patent wäre ideal – nur zu schade, dass er die Formel um das Leuchten gar nicht kennt! Schließlich ist der Elefant Ergebnis eines Zufalls. Doch nicht nur Roux verknüpft sein eigenes Schicksal mit dem des Tieres.

Märchenhaft und doch ernst: Mit „Elefant“ erkundet Martin Suter die Gentechnik und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.

Elefant von Martin Suter

Denn zum Glück gibt es auch den Elefantenflüsterer Kaung, der bei der Geburt des Wunderwesens anwesend war. Er möchte es beschützen, sieht in ihm etwas Heiliges. Mit seiner Zuneigung ist er nicht alleine. So erscheint Sabu auch dem Obdachlosen Fritz Schoch, der sich fortan um den Mini-Elefant zu kümmern beginnt und darin eine dringend benötigte Aufgabe entdeckt. Auch die Tierärzte Dr. Reber und Valerie Sommer haben nur Gutes im Sinn und helfen dem erkrankten Tier.

Eine wundersame Odyssee beginnt, wobei die Kulisse vom Genlabor, einem kleinen Zirkus und der Zürcher Obdachlosenszene reicht – bis hin ins ferne Myanmar. Martin Suter inszeniert seinen Roman „Elefant“ mit bezaubernd einfühlsamen Worten. Dank Elementen aus dem Thriller bleibt die abenteuerliche Reise unterhaltsam und durchgehend spannend. Eine gelungene Betrachtung gesellschaftlich relevanter Fragen zur Zukunft der Gentechnik.

Martin Suter im Interview

Ihr Thema ist kühn und gewagt: Alles scheint heute möglich, alles scheint machbar. Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Roman?

Vor zehn Jahren, an einem Alzheimerkongress in Tübingen, wo ich aus „Small World“ gelesen habe, hat mir der Alzheimerforscher Prof. Jucker während einer Führung durch das Hertie-Institut so beiläufig gesagt, dass es heute gentechnisch kein großes Problem wäre, einen rosaroten Minielefanten herzustellen. Das Bild ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

„Elefant“ ist voller Spannung, ein Thriller. Birgt die Realität – das Geschäft mit der Genmanipulation – einen vergleichbaren Zündstoff?

Ich glaube schon. Die Gentechnologie kann immer mehr Dinge, die aus ethischen Gründen verboten sind oder werden. Überall, wo Machbares kriminell ist, ist Zündstoff drin. Vor allem, wenn es um so viel geht wie auf diesem Gebiet.

Warum fiel Ihre Wahl des kleinen leuchtenden Tieres auf einen Elefanten? Haben Sie eine besondere Beziehung zu diesen Tieren, oder haben Sie während des Schreibens an diesem Roman eine solche entwickelt?

Ich entwickle bei allen Romanen beim Recherchieren und Schreiben eine besondere Beziehung zu meinen Figuren. Und wenn sie so niedlich, rätselhaft und ehrfurchteinflößend sind wie die kleine Sabu, natürlich umso mehr.

Wussten Sie damals schon von den „Glowing Animals“, oder wie sind Sie darauf gestoßen? Haben Sie eine Erklärung dafür, wie man auf die Idee kommen kann, so etwas zu ‚produzieren‘?

Als ich begann, das Buch über den rosa Mini-Elefanten zu schreiben, habe ich wieder Kontakt aufgenommen mit Prof. Jucker. Er war es, der mich auf „Glowing Animals“ aufmerksam gemacht hat. Die Idee, Zellen zum Leuchten zu bringen, ist für die Forschung nicht so abwegig. So kann man zum Beispiel Zellen markieren, um sie im Organismus wiederzufinden und von unbehandelten zu unterscheiden.

Sollten Menschen so in die Natur eingreifen?

Das ist eine der großen Fragen. Sie wird natürlich auch im Buch behandelt, aber ich weiß keine schlüssige Antwort darauf. In der Gentechnologie stecken phantastische Möglichkeiten und riesige Gefahren. Ich glaube nicht, dass das kontrollierbar ist. Die Erfahrung zeigt: Was machbar ist, wird gemacht, was passieren kann, passiert. Die Vorreiter auf diesem Gebiet sind China und die U.S.A..

Ihr Roman hat die unterschiedlichsten Schauplätze: Er spielt in der Zirkuswelt, in der sterilen Welt eines gentechnischen Labors, in einer Villa am Zürichberg, in der Welt der Obdachlosen. Vor allem Letztere wird beschrieben, als hätten Sie sie ausführlich studiert. Wie gehen Sie bei Ihrer Recherche vor?

Neben den Recherchen im Internet versuche ich immer, vor Ort zu gehen oder mich von Fachleuten aus den Gebieten, die ich beschreibe, informieren und beraten zu lassen. Im Fall der Obdachlosen waren es folglich Obdachlose und ehemalige Obdachlose, die mir die Szene gezeigt und erklärt haben.

Sie sind bekannt für Ihre ersten Sätze im Roman. Elefant fängt an mit: „Eine Entzugserscheinung konnte es nicht sein, er hatte genug getrunken.“ War dieser Satz auch als Erstes da, oder wie lange haben Sie daran gefeilt?

Dieser Satz war von Anfang an der erste des ersten Kapitels. Aber das Erste war nicht immer das Erste gewesen. Ich habe nicht viel länger daran gefeilt als an anderen Sätzen. Mir sind alle Sätze wichtig, aber vielleicht die ersten und die letzten dramaturgisch etwas wichtiger. Nicht nur die des Buches, auch die der Kapitel. Achten Sie einmal auf die ersten und letzten Sätze der Kapitel. Ich glaube, viele davon würden auch als erste Romansätze durchgehen.

Martin Suter liest aus „Elefant“

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