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Zoe Hagen
© Nadine Städtner

Wortgewaltige Debütantin:
Zoe Hagen

 

Heute steht sie beim Poetry Slam auf der Bühne, trägt selbstbewusst ihre Texte vor. Noch mit 17 Jahren wollte sich Zoe Hagen am liebsten verkriechen: In einer schwierigen Lebensphase entstand „Tage mit Leuchtkäfern“, eine Geschichte über Essstörungen und Familienprobleme. Fünf Jahre später ist diese Erzählung als Buch erschienen.

3.08.2016

Sie haben mit 17 Jahren Ihr erstes Buch „Tage mit Leuchtkäfern“ geschrieben. Was motiviert eine Frau in diesem Alter, einen Roman zu verfassen?

Mir war immer schon klar, dass ich Romanautorin werden möchte. Ich komme aus einer Künstlerfamilie, da waren Bücher und vor allem Geschichten immer allgegenwärtig. Schreiben ist für mich jedoch mehr: Es ist meine Art, mein Inneres zu sortieren und selbst irgendwie klarzukommen. Mit 17 befand ich mich in einer ziemlich schwierigen Phase, mir ging es nicht sonderlich gut. Schreiben war das Einzige, was da geholfen hat. Und viel günstiger als der „Finde deinen innerer Frieden Workshop“ der nächst gelegenen Yoga Schule. Obwohl ich Yoga nur jedem empfehlen kann. Ist gut für den Rücken!

Wenn ich schreibe, geht es mir besser. Das war damals so und ist es heute auch immer noch.

Zoe Hagen hat ihr Erstlingswerk bereits im zarten Alter von 17 Jahren binnen weniger Wochen verfasst.

Zoe Hagen
© Nadine Städtner

Ihre Protagonistin Antonia leidet in der Geschichte unter Depressionen und Bulimie. Themen, mit denen Sie sich privat auch schon befassen mussten. Wie viel von Ihren eigenen Erlebnissen und Empfindungen haben Sie in dem Buch verarbeitet?

Viele. Aber ich bin dennoch nicht die Protagonistin meines Romans, ich habe nicht mich selbst gezeichnet, viel mehr habe ich eine Figur geschaffen, die mir irgendwo sehr ähnlich ist, die zwar nicht meine damalige Geschichte, aber meine damaligen Probleme und Gefühle teilt. „Tage mit Leuchtkäfern“ war nicht für die Augen von anderen bestimmt, deshalb hatte ich auch keine Probleme damit über diese Themen so offen zu schreiben. Ich habe das Buch mit 17 verfasst, erst jetzt, wo ich 21 bin, wurde es veröffentlicht. Davor war ich einfach noch nicht dazu bereit. Es musste erst etwas Zeit vergehen.

DEN LYRISCHEN PASSAGEN UND ZAHLREICHEN METAPHERN IN IHREM ROMAN MERKT MAN AN, DASS SIE AUS DER POETRY SLAM SZENE KOMMEN. WIE UNTERSCHEIDET SICH DAS TEXTEN FÜR DIE BÜHNE VOM SCHREIBEN EINES ROMANS?

Das ist witzig, weil ich den Roman geschrieben habe, bevor ich überhaupt Poetry Slam gemacht habe. Ich hatte noch nicht einmal etwas davon gehört. Scheinbar habe ich einfach einen gewissen Schreibstil, der sich für Poetry Slam eignet und gut ankommt. Eigentlich schreibe ich aber einen Poetry Slam Text genauso wie ich einen Roman schreibe. Der einzige wirklich Unterschied liegt natürlich in der Zeit. Da es beim Poetry Slam ein Zeitlimit gibt, muss ich da schneller auf den Punkt kommen.

Am meisten freut die 21jährige Autorin, dass sie ihren Lesern mit dem Roman Unterstützung bietet.

Zoe Hagen
© Nadine Städtner

WAS FASZINIERT SIE AN DER LITERARISCHEN AUSDRUCKSFORM DES POETRY SLAMS?

Das alles geht. Du hast im Schnitt fünf Minuten und diese fünf Minuten sind deine, dann ist das Publikum deins. Du kannst alles machen. Ob Lyrik, ob Prosa, ob Dada oder sonst was. Das ist deine Zeit. Ob das ankommt, ist natürlich was anderes. Aber ich kenne kein anderes Format, wo man ein so unmittelbares Feedback bekommt. Die Reaktion kommt sofort, und mehr noch, man ist live dabei. Das ist schon cool irgendwie.

Nachrichten zu erhalten, dass mein Buch einen vorm Suizid bewahrt hat, hat mich sehr berührt

WAS FÜR REAKTIONEN HABEN SIE BISLANG AUF IHR BUCH ERHALTEN? WAS DENKEN BETROFFENE ÜBER IHRE GESCHICHTE?

Bis jetzt nur positive, was mich natürlich sehr freut. Vor allem dann, wenn sie von Betroffenen kommen. Es gibt nichts, was mich mehr nervt, als Bücher über bestimmte Themen, die von Menschen verfasst werden, die nicht wissen, worüber sie eigentlich schreiben. Gerade wenn es um sensible Themen wie Essstörungen geht. Dass ich eine Ahnung hatte, wovon ich schrieb, war klar. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich das auch so formulieren kann, dass andere sich verstanden fühlen oder wiedererkennen können. Dass das scheinbar der Fall ist, ist das Schönste für mich. Ich habe Reaktionen auf mein Buch bekommen, die mich zum Weinen gebracht haben.

Haben Sie schon eine Idee für ein weiteres Buch?

Ja, aber die verrate ich nicht! Auch einfach deswegen, weil es wirklich nicht mehr als eine Idee ist. Ich schreibe einfach drauf los und schaue, wie sich die Geschichte entwickelt, wo mich meine Figuren hintragen. Ich halte das mit dem Romanschreiben ein wenig wie mit dem Leben an sich: Man hat eine gewisse Idee davon, aber man weiß nie, wie es kommt.

Wer jetzt neugierig ist und ein paar Textauszüge lesen möchte, der kann hier in der Leseprobe blättern.

Beim Poetry Slam "Best Of U20 Cup 2016" trägt Zoe Hagen einen Text über ihre Kindheit vor:



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