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Cornelia Funke
© Thorsten Wulff

Stories meines Lebens:
Cornelia Funke

 

Von Fabelwesen und lebenden Büchern: Mit großem Ideenreichtum kreiert Cornelia Funke phantastische Welten. Die erfolgreiche Jugendbuchautorin hat Thalia Stories verraten, woran sie gerade arbeitet, wieso Kinder das beste Publikum sind und warum „Die Brüder Löwenherz“ zu ihren Lieblingsgeschichten gehört.

18.02.2017

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ie menschliche Fantasie kann uns daran erinnern, wie viel besser die Welt noch werden kann, und wie kostbar die ist, die uns gegeben wurde“ sagt Cornelia Funke – und bringt damit auf den Punkt, warum sie sich sozial engagiert und als Autorin fantastische Welten erschafft: Ob „Drachenreiter“, „Tintenwelt“ oder „Reckless“, Funkes Geschichten von Fabelwesen und lebenden Büchern wirken stets so, als seinen sie mit magischer Tinte geschrieben. Wir haben die in Los Angeles lebende Jugendbuchautorin gefragt, warum sie für ein junges Publikum schreibt, wo sie am liebsten arbeitet, und vor allem: was sie selbst am liebsten liest!

Die Stories meines Lebens

John Steinbeck: Jenseits von Eden

Manchmal sind wir durch ein Buch in einer Landschaft zuhause, lange bevor wir sie mit eigenen Augen sehen. Kalifornien ist mir durch Steinbecks Augen begegnet, lange bevor es zur Heimat wurde. Und kein Buch erzählt für mich beeindruckender von Gut und Böse als sein „Jenseits von Eden“. Es ist außerdem ein Buch, dass, obwohl es bewegend verfilmt wurde, eine wunderbar reiche Offenbarung ist, wenn man es nach dem Film noch liest. Ich würde zwei Finger dafür geben, dieses Buch geschrieben zu haben!

T. H. White: Der König auf Camelot

Das mit den Fingern trifft wohl auch für dieses zu. „The Once and Future King“, wie es im Original heißt, ist wohl das Buch, das ich mit auf die einsame Insel nehmen würde. Es ist alles, was brillante Fantasy sein kann – tragisch und komisch, politisch, überbordend einfallsreich, die Welt in Frage stellend und sehr realistisch, was die menschliche Natur und das betrifft, was wir in dieser Welt anrichten, im Guten wie im Schlechten. T. H. White hat mir beigebracht, dass Lanzelot natürlich nicht schön war und dass die besten Absichten furchtbare Folgen haben können.

Heinrich Heine: Deutschland, ein Wintermärchen

Als Teenager habe ich zwei deutsche Dichter mit besonderer Leidenschaft gelesen: Georg Büchner, der mir zeigte, wie atemberaubend bissig und poetisch zugleich die deutsche Sprache klingen kann und Heinrich Heine, der mir bewies, dass man sehr wohl sehr politisch und sehr poetisch zugleich schreiben kann. Ich liebe beide noch heute sehr, und finde sie beide in ihrem politischen Engagement gerade in diesen Zeiten wieder unendlich relevant und inspirierend.

Auf Lesereise: Cornelia Funke liest zusammen mit Hörbuchsprecher Rainer Strecker aus „Die Feder eines Greifs“.

Cornelia Funke und Rainer Strecker

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden

Dieses Buch habe ich kurz nach dem Tod meines Mannes gelesen. Es gibt Zeiten im Leben, in denen nur wenige Bücher zu einem sprechen. Aber wenn man sie findet, ist das eine umso beglückendere Erfahrung. Audrey Niffeneggers Buch spricht von Liebe und Verlust auf eine Weise, die ich nie vergessen habe. Ich verdanke ihr Worte in einer Zeit, in der der Schmerz viele andere Worte verschlang. Wie das Leben so spielt (so überaus seltsam und rätselhaft) traf ich sie ein paar Jahre später in Person, als meine Führerin auf dem Highgate Friedhof in London, wo sie für ein Buch recherchierte.

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz

Immer mein Lindgren-Lieblingsbuch, weil sich all ihre Furchtlosigkeit darin zeigt. Natürlich schreibt man für Kinder über den Tod und das, was folgt – auch wenn die Kritiker ihr vorwarfen, damit Kinder zum Selbstmord zu verleiten – natürlich schreibt man über Krankheit, Einsamkeit und ganz sicher über die Notwendigkeit, für das Gute und gegen das Böse zu kämpfen. Und über die große große Frage, ob man das manchmal auch mit Gewalt tun muss. Man kann alles über Furchtlosigkeit und ein mutig gelebtes Leben von Lindgren lernen.

Cornelia Funke im Interview

Sie haben uns einige Lieblingsbücher verraten. Welche Elemente muss eine Geschichte haben, damit Sie selbst zur gefesselten Leserin werden?

Robert Louis Stevenson hat einmal geschrieben, dass wir Bücher nicht wirklich ihres Inhalts wegen lieben, sondern dass wir uns in die Stimme eines Autors verlieben, in eine Sicht die Welt zu sehen und zu erleben, sie uns manchmal sogar zu erklären. Ich glaube, er hat recht.

Welche Art von Büchern lesen Sie gerne? Phantastische Geschichten oder ganz andere?

Ich lese seit Jahren fast ausschließlich Sachbücher und Lyrik. Jede Art von Prosa, die ich lese, beeinflusst leicht meinen eigenen Schreibstil und plötzlich klingt eine Kurzgeschichte, die ich schreibe nach Somerset Maugham :-) Außerdem ist es sehr schwer, eine eigene Geschichte zu spinnen und dabei einer anderen zu folgen. Sachbücher dagegen bereichern das, was ich schreibe, inspirieren neue Wege und – sind natürlich oft Recherche für ein neues Buch. Was die Lyrik betrifft: Sie war schon immer eine Liebe von mir, weil sie nach den Dingen greift, die eigentlich keine Worte haben.

Ich hoffe bei jedem Buch, dass es mir Begegnungen beschert, die mich überraschen und ich Sichtweisen auf die Welt bekomme, die mir nicht vertraut sind.

Cornelia Funke

Was macht den Reiz aus, für Kinder und Jugendliche zu schreiben?

Dass sie das allerbeste Publikum für eine Geschichtenerzählerin sind. Sie lassen sich noch so furchtlos auf die Reise ein, zu der eine Geschichte sie einlädt. Sie nehmen die großen Fragen des Lebens noch sehr ernst und verstecken sich nicht vor ihnen. Sie sind noch Gestaltwandler, im Gegensatz zu Erwachsenen, die sich so leicht einreden, genau zu wissen, wer und was sie sind. Kinder tragen selten Masken, und wenn sie es tun, dann sind sie sich dessen bewusst. Es ist so viel leichter, sie zum Spielen einzuladen.

Cornelia Funke beim Signieren auf der „Reckless“-Lesetour.

Cornelia Funke bei der Signierstunde

Sie haben mit Kindern gearbeitet und Bücher illustriert. Inwieweit hilft Ihnen dieser Hintergrund beim Schreiben?

Meine Zeit als Sozialarbeiterin hat mir gezeigt, dass viele Geschichten, die für Kinder geschrieben werden, sie (zu recht) entsetzlich langweilen. Während ich den wilden Kindern, mit denen ich arbeitete, vorlas, brachten sie mir bei, was sie fesselt und ich begriff, dass ich gerade auch für die Kinder Geschichten erzählen will, die eigentlich nicht gern lesen. Es freut mich noch heute ganz besonders, wenn ich von Eltern höre, dass ihre Kinder meine Bücher lieben, obwohl sie eigentlich nichts von gedruckten Worten halten :-)
Was das Illustrieren betrifft – ich denke, das zeigt nur, wie sehr ich in Bildern denke – was sich natürlich auch im Schreiben niederschlägt. Ich glaube, dass Bilder die Wirklichkeit manchmal vielschichtiger darstellen können als Worte und bin mir sehr bewusst, wie viel sich mit Worten nicht ausdrücken lässt – was mich dankbarer dafür macht, dass ich mich auch ohne sie ausdrücken kann.

In welcher Umgebung und unter welchen Bedingungen können Sie am besten schreiben?

Ich habe gelernt, überall zu schreiben und kann das auch ohne Probleme. An sterilen, seelenlosen Orten (die kennen wir alle :-) ist es eine Herausforderung. Ich liebe es, einen Blick ins Freie zu haben, auf Landschaften, aufs Meer, aber auch auf eine Flughafenlandebahn :-) Ich bereite Geschichten sehr gern an Flughäfen oder in Cafés vor. Dort schreibe ich meine erste Fassung in Din-A4-Notizbücher, eins habe ich immer dabei. Ich schreibe am Strand, in den Bergen, auf dem Malibu Pier oder im Getty Museum... und natürlich bei mir zu Hause, mit Blick auf Meer und Berge.

An welcher Idee arbeiten Sie gerade, dürfen wir uns auf ein neues Buch freuen?

Ich arbeite derzeit an drei Büchern: „Die Insel der Füchse“, mein viertes Reckless-Buch. „Die Farbe der Rache“, das vierte Tintenbuch, und am vierten, noch titellosen Drachenreiter-Abenteuer, das wohl in Alaska und Neuseeland spielen wird (ich habe das Zählen nicht verlernt: das dritte Abenteuer ist als Comic in Arbeit).



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