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© Vanessa Maas

Stories meines Lebens:
Sönke Wortmann

 

Künstler ohne Bohei: Am 29. Juni kommt Sönke Wortmanns Verfilmung des Ruhrgebiets-Romans „Sommerfest” in die deutschen Kinos. Im Video-Interview verrät der „Das Wunder von Bern” Regisseur, warum er Filmstoffe anhand von starken Figuren auswählt und welche Bücher ihm am Wichtigsten sind.

18.06.2017

Wenn Sönke Wortmann anfängt ein Buch zu lesen, hat er automatisch die Filmrechte im Hinterkopf. Sein Gefühl sagt ihm dann, ob der Stoff für eine Verfilmung reicht oder nicht – meistens sagt es Nein. Aber manchmal sagt es eben Ja, so wie bei Frank Goosens „Sommerfest”. „Der Roman hat mich fasziniert, weil er so viel mit mir zu tun hat”, sagt Wortmann. „Außerdem sind die Figuren richtig gezeichnet und das, was passiert, ist auch interessant für die Leinwand."

Das Wichtigste an einem guten Buch sind für Wortmann spannende Personen. Die gibt es in all seinen Lieblingsbüchern. Und so ergeben sich immer wieder neue Projekte – denn die finden ihn meist von ganz allein: „Ich habe immer die richtigen Bücher zur richtigen Zeit gelesen. Da bin ich fast etwas esoterisch.”

Wie er zu seinen Lieblingsbüchern kam und welche Geschichten ihn beeinflusst haben, erfahren Sie in unserem Video-Interview.

Welches Buch ihn in seinen Sog gezogen hat und warum Frank Goosens „Sommerfest” erst einmal ganz lange ungelesen in seinem Schrank stand, lesen Sie hier.

Episoden im Hotel

Vicki Baum: Menschen im Hotel

Vor acht Jahren während eines Sabbaticals habe ich „Liebe und Tod auf Bali“ gelesen und so die Autorin für mich entdeckt, ihr Schreibstil gefällt mir wahnsinnig gut. Ihr Roman „Menschen im Hotel“ hat mich neugierig gemacht, weil Hotels faszinierende Orte sind. Das Buch wurde bereits zweimal verfilmt: 1932 mit Greta Garbo und 1959 mit Gert Fröbe. Ein großartiges Drama, bei dem aktuell die Rechte leider nicht geklärt sind. Ansonsten hätte ich den Stoff sehr gern ein drittes Mal realisiert.

Poesie

Sándor Márai: Die Glut

Diesen grandiosen Roman über die Liebe habe ich vor zehn Jahren gelesen. In „Die Glut” geht es um zwei Männer, Jugendfreunde, die beide in dieselbe Frau verliebt waren; sie begegnen sich 40 Jahre später – die Frau ist nicht mehr am Leben –, und es beginnt eine Art Zug-um-Zug-Konversation, ein Schachspiel der Preisgabe von Wahrheit und Gefühlen. Die Geschichte des ungarischen Autors entfaltet einen großen Sog.

Biografie

Nelson Mandela: Der lange Weg zur Freiheit

Nelson Mandela ist eine Ikone, ein Held, ein Vorbild. Ich war als Regisseur öfter zum Arbeiten in Südafrika, und es war naheliegend, dass ich seine Biografie „Der lange Weg zur Freiheit“ lesen würde. Das Gefängnis, in dem er eingesperrt war, ist heute ein Museum, und ehemalige Häftlinge machen die Führungen. Es ist ein Ort, der heute noch Besucher verändern kann, besonders wenn man über Versöhnung und Vergebung nachdenkt. Für mich persönlich war das Gleichnis von Mandela in seiner Biografie prägend, als er davon erzählt, dass ein Anführer wie ein Schäfer sein sollte, einer, der hinter seiner Herde hergeht und schaut, was die Herde braucht, und sie beschützt. Das habe ich mir gemerkt für meinen Beruf als Regisseur.

Filmstoff

Frank Goosen: Sommerfest

Ein ganzes Jahr stand der Roman „Sommerfest” bei mir im Schrank; der Verleger Helge Malchow hatte ihn mir, zusammen mit anderen Büchern, zur Inspiration geschickt. Ich blieb eine Spur skeptisch, vielleicht auch weil der Klappentext mich nicht überzeugte. Es ist ein Ruhrgebiets-Roman, und das ist meine Heimat, ich befürchtete also Klischees. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Stefan, so heißt der Protagonist, kehrt zurück in seine alte Heimat und verliebt sich neu. Wenn man einen Stoff verfilmt, ist es wichtig, zwischen Roman und Film zu unterscheiden. Man löst sich ein Stück weit von der Erzählung, um ihren Reiz in Bilder umzusetzen.

Mystischer Ort

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

Panikherz“ wird für mich immer die Begebenheit von realer Begegnung und Roman sein: Vergangenen Sommer war ich gerade in Begleitung meiner erwachsenen Tochter in Los Angeles angereist. Wir wohnten zwei Tage lang im legendären Chateau Marmont. Dort eingetroffen, gefühlt unmittelbar nach dem Prozedere der Immigration, lernte ich am Pool den Autor kennen. Benjamin schenkte mir ein Exemplar seines Buches, ich begann gleich zu lesen. Es beginnt mit seiner Einreise in die USA und wie er und Udo Lindenberg gemeinsam ins Chateau Marmont einchecken. Es hat mich fasziniert, wie unverblümt Stuckrad-Barre über seine Sucht schreibt.





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