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Stefan Zweig: Legende der Literatur

Seit 2. Juni läuft in den Kinos das starbesetzte Biopic „Vor der Morgenröte“ mit dem Untertitel „Stefan Zweig in Amerika“. Der zweite Kinofilm von Maria Schrader erzählt fünf Episoden aus Stefan Zweigs Aufenthalten in Nord- und Südamerika während seines Exils zwischen 1934 und 1942. Verneigen wir uns vor einem Star der Weltliteratur mit einer kleinen Auswahl aus seinen besten Werken!

Stefan Zweig war nicht nur brillanter Literat, sondern auch Visionär mit sicherem politischen Instinkt. Schon früh hatte er in den Dreißiger Jahren erkannt, dass Europa vor dem Zusammenbruch stand und seine an Deutschland „angeschlossene“ Heimat Österreich für ihn perspektivelos war. Die Suche nach einem neuen Wirkungskreis wurde für ihn zur Odyssee. Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York und das brasilianische Petrópolis sind vier Stationen seines Exils, an denen er trotz Sicherheit und gastfreundlicher Aufnahme keinen inneren Frieden fand. Maria Schraders mit Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt, Charly Hübner hochkarätig besetztes Episodendrama „Vor der Morgenröte“ erzählt von diesem tragischen Weg. Er geht einher mit den wachsenden seelischen Verwerfungen des genialen Autors, die ihn schließlich in den Selbstmord trieben.

Stefan Zweig schuf Weltliteratur. Präzise seziert er die Psychen seiner literarischen Figuren – oftmals Protagonisten der Weltgeschichte. Er blickt in menschliche Abgründe, analysiert Ängste und Schwächen, erklärt die Gesetzmäßigkeit ihrer Schicksale. Für den Leser wird jede Zweig-Lektüre zu einer nachhaltigen Lektion in Menschenkenntnis. Aus seinem großen Werk haben wir eine kleine, aber feine Auswahl getroffen.



In 14 Kurzerzählungen verdichtete Stefan Zweig 1927 Weltgeschichte. Die literarischen Miniaturen erzählen Momente, die sich im Nachhinein als historische Weichenstellung herausgestellt haben: Robert Scotts gescheiterte Südpol-Expedition, Georg Friedrich Händels Gesundung vor der Komposition des „Messias“, Lenins Rückkehr nach Russland oder Ciceros republikanische Initiative nach der Ermordung Julius Caesars. „Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte. […] Ich habe sie so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen“, schreibt der Autor im Vorwort.

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Besonderen Ruhm erwarb sich Stefan Zweig mit seinen Novellen. Neben der „Schachnovelle“ ist die Erzählung „Verwirrung der Gefühle“ einer seiner bekanntesten. Er schildert die innige Beziehung eines Professors zu seinem Studenten, die sich von einer akademischen Leidenschaft zu einem latenten Liebesverhältnis entwickelt. Die Novelle wurde mehrfach verfilmt, u. a. 1983 mit Michel Piccoli und Gila von Weitershausen (Regie: Étienne Perrier). Der Band enthält außerdem die Erzählungen „Der Stern über dem Walde“, „Die Liebe der Erika Ewald“, „Vergessene Träume“, „Geschichte in der Dämmerung“, „Die gleich-ungleichen Schwestem“, „Untergang eines Herzens“ und „Angst“.

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Mit Stefan Zweigs „Erinnerungen eines Europäers“ – so der Untertitel – taucht der Leser ein in die Kultur des alten Europas zu k.u.k.-Zeiten. Obwohl das Spätwerk, entstanden im Exil zwischen 1939 und 1941, autobiografische Züge trägt, ist der Ich-Erzähler nicht eindeutig als Autor zu identifizieren. Sicher ist jedoch die starke persönliche Prägung Zweigs durch die beschriebenen Milieus, von Kultur, Mode, Erziehungssystem, Lebensgefühl der Jugend, Sexualmoral und Wertekanon einer später von Weltkriegen zerstörten und unwiederbringlich versunkenen Gesellschaft.

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Stefan Zweig zeichnet das faszinierende Porträt eines berühmt-berüchtigten „Wendehalses“ aus der Zeit der Französischen Revolution. Ohne Skrupel und Empathie geht Joseph Fouché seinen Weg durch die Weltgeschichte, erringt Geld und später politische Macht, bleibt aber in der zweiten Reihe. Dank seines eiskalten Charakters steht der Politiker immer auf der Gewinnerseite und wechselt, wenn nötig, blitzschnell seine Überzeugung. Auch als brutaler Polizeiminister unter Napoleon und unter Ludwig XVIII. spinnt Fouché im Hintergrund die Fäden, ohne in die Schusslinie zu geraten: Zweigs beeindruckendes Bildnis eines abgefeimten Charakter-Chamäleons ist absolut lesenswert.

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Stefan Zweigs berühmteste Novelle spielt an Bord eines Ozeandampfers auf dem Weg von New York nach Buenos Aires. An Bord befindet sich ein Scha
chweltmeister, der von Mitreisenden zum Kräftemessen herausgefordert wird. Insbesondere ein gewisser „Dr. B.“ erregt Aufsehen, da er sich seine Schachkenntnisse im Nazi-Gefängnis aus einem Buch erworben hat. Der schwer psychisch und nervlich belastete Mann leidet unter einer „Schachvergiftung“, die ihn schließlich gegen den Champion verlieren lässt. Zweigs dicht und mit vielen biografischen Elementen erzählte Novelle gibt tiefe Einblicke in das Seelenleben einer Generation zwischen Kriegstraumata, Entwurzelung und Heimatsuche. Die Verfilmung mit Curd Jürgens, Mario Adorf und Hansjörg Felmy erschien 1960.

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