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© Ingo Pertramer

Thees Uhlmann:
Persönliche Buchtipps

 

Der schreibende Musiker erzählt von Büchern, die ihn beeindruckt oder berührt haben – vom Bilderbuchklassiker bis zum lyrischen Künstlerportrait

8.06.2016

S

eine Songs haben eine große Fangemeinde. Thees Uhlmann füllt aber auch als Vorleser Hallen, denn sein Debütroman ist ein großer Erfolg. Wir haben das Multitalent getroffen und uns erzählen lassen, welche Bücher für ihn eine ganz besondere Bedeutung haben. Im Videoportrait erzählt er, wie Druck und die "Androhung von Liebesentzug" ihn zum Romanschreiben brachten, worin die Unterschiede zwischen Song- und literarischen Schreiben liegen, und ob sich seine Fans künftig wieder auf Musik oder einen neuen Roman freuen können.

Thalia Stories trifft Thees Uhlmann

Außerdem hat uns Thees Uhlmann seine ganz persönlichen Buchtipps verraten:

Musiktherapie

Tobi Dahmen: Fahrradmond

Ich bin eigentlich kein Comicfan, aber diese, wie man jetzt sagt, Graphic Novel ist das Schönste und Anrührendste, was ich in den vergangenen zwölf Monaten gelesen habe. Tobi Dahmen erzählt in diesem Manifest der Selbstermächtigung (s)eine Geschichte, die der meinen nicht unähnlich ist. Durch Musik zu einem dolleren Leben. Wie es ist, sich in der deutschen Provinz (s)ein Leben selbst zu erfinden. Und es sind dann doch die leisen Töne, die das Buch zu so viel mehr machen als nur zu einem Comic über Musik. „Vielleicht war all das nötig. All die Unsicherheiten, die Rückschläge, die Geschmacksverirrungen, um zu wissen, wer man ist, was man liebt und wohin man gehört.“ Genial! Omas, schenkt es euren Enkeln. Mädchen, schenkt es euren Vätern, und hört euch durch den Soundtrack am Ende des Buches.

Himmelsleiter

Philippe Fix: Serafin und seine Wundermaschine

Ich liebe das Knistern im Gehirn, wenn man plötzlich ein Kinderbuch in den Händen hält, das einem früher viel bedeutet hat. Das Knistern war nie so groß wie damals, als ich nach Jahren wieder „Serafin und seine Wundermaschine“ kaufte. Eine Mischung aus Wimmelbuch, Generationengeschichte, Fantasiebilderbuch und Gesellschaftskritik. Stundenlang saß ich als Kind über den einzelnen Bildern und habe immer etwas Neues entdeckt. Ich wollte so sein wie Serafin und einen Freund wie den Erfinder Plum haben. Und zum Schluss, als die Bagger kommen, um das Wunderhaus abzureißen, bauen Serafin und Plum eine Stairway to Heaven. Geht es besser? Nein! P. S.: Kennen Sie das, dass man früher an Büchern geleckt hat, weil man dachte, der Geschmack der Geschichte ist zu schmecken? Ja? Ich auch.

Bühnenmensch Uhlmann: Mit seinen Songs und Büchern begeistert das Multitalent ein großes Publikum

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(Vor)Lesestoff

Roald Dahl / Quentin Blake (Illustr.): Sophiechen und der Riese / Mathilda

Das Wort, welches man als Vater am häufigsten hört, wenn es schlecht läuft, ist „nö“. Wenn es gut läuft, ist das häufigste Wort „noch mal“, denn Kinder lieben das Repetitive. Vorlesen ist wichtig, aber manchmal ist man einfach zu müde, um von Einhörnern und Elfeninternaten vorzulesen. Jede Müdigkeit verfliegt, wenn man diese beiden Bücher von Roald Dahl vorliest, weil sie so wundervoll und detailreich, simpel, aber ernst erzählt sind. Weil ich keinen kenne, der seine kleinen Leser so ernst nimmt wie Roald Dahl. Hinzu kommen die Zeichnungen von Quentin Blake, die die Geschichten kongenial begleiten. Und so liest man auch noch nach 21 Uhr, dann ist das Buch irgendwann zu Ende, und das schönste Kompliment ist ein begeistertes „Noch mal!“.



Vaterfigur

Paul Auster: Von der Hand in den Mund: Eine Chronik früher Fehlschläge

„Ein so erschöpfter und gleichzeitig so energiegeladener Mensch wie er (mein Vater) ist mir seither nie wieder begegnet. Er lebte praktisch von Mentholzigaretten und täglich circa sechzehn Flaschen Orangenlimonade; dass er sich jemals etwas Essbares in den Mund geschoben hätte, habe ich nicht erlebt. Wenn er mittags etwas essen würde, sagte er, wäre er danach zu müde und bräche zusammen.“ Genial! Manchmal liebe ich die Autobiografien von Künstlern fast mehr als ihre anderen Werke. Wegen des oben Zitierten muss ich bei jeder Limonade, die ich trinke, an Paul Austers Vater denken. Ist das nicht der Sinn von Literatur?

Abgrundtief

Roberto Saviano: Gomorrha

Ich hasse Kriminalität, auch wenn man sehr wenig darüber weiß. Roberto Saviano widmet sein Leben der Erklärung. Wie die Mafia arbeitet, wie trist und manchmal allzu menschlich die Geschichten der Menschen dahinter sind. Wie sie organisiert ist, und wie sie in unser Leben Einzug hält. Auch fast zehn Jahre nach Erscheinen hat dieses Buch nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Es ist mehr denn je eine atemberaubende Reportage von großer lyrischer Schärfe, die einem die Augen öffnet, während man den Mund gar nicht mehr zubekommt vor so viel Traurigkeit, Brutalität und Realität. Der Autor lebt mit seiner Familie nach wie vor im Untergrund. Schlimm und – besonders deswegen – nach wie vor unterstützenswert.

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