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Glück kennt
kein Alter

 

Unsere Seelen bei Nacht“ ist eine kleine Geschichte über ein großes Thema: Louis und Addie, beide verwitwet, finden spät zueinander – und müssen erkennen, dass ihr Umfeld mit Vorurteilen reagiert. Nach seinem Roman „Flüchtiges Glück“ zeichnet der 2014 verstorbene Kent Haruf ein feinfühliges Bild von der Liebe im Alter und einer ungewöhnlichen Beziehung.

9.08.2017

L

ouis Waters und Addie Moore leben nach dem Tod ihrer Partner allein. Beide fühlen sich zunehmend einsam und spüren die Bürde ihres Alters – mit über 70 Jahren ist es gar nicht so einfach, sich auf jemand Neues einzulassen, geschweige denn eine neue Liebe zu finden. Addies Vorschlag an Louis ist deshalb unkonventionell, sie möchte, dass sie fortan im selben Bett schlafen. Zum Geschichten teilen, zum Zuhören und Dasein, nicht mehr und nicht weniger. Mehr rational als romantisch begründet sie ihren Plan und kann Louis überzeugen. Es ist ein Arrangement, das beiden gut tut, aber in der Stadt schließlich für Argwohn und Lästereien sorgt.

Seit Jahren leben Louis und Addie, verwitwet und alleinstehend, nicht weit voneinander entfernt in der Kleinstadt Holt in Colorado. Sie kennen sich schon länger und diese Vertrautheit sieht Addie nun als mögliche Grundlage für ein besonderes Arrangement. Wieso sollten zwei Menschen einsam sein, wenn sie sich doch mögen und ebenso gut füreinander da sein können. Besonders nachts, wenn die Einsamkeit am lautesten ist. Also fasst Addie sich eines Tages ein Herz und schlägt Louis vor, in Zukunft beieinander zu übernachten. Nicht für Sex, sondern um die Nacht zu überstehen. Tatsächlich willigt Louis ein und schon bald verbringen sie jede Nacht miteinander.

Der Fluch der Kleinstadt führt dazu, dass ein jeder in Holt ein Urteil über diese ungewöhnliche Beziehung fällt. Auch ihre Kinder gönnen Addie und Louis das neugewonnene Glück nicht wirklich. Doch das bringt die beiden nicht auseinander, denn je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto inniger werden sie. Und wenn man über 70 ist, will man sich nicht mehr darum scheren, was andere über einen denken.

Ließ seine Romane alle in der ausgedachten Stadt Holt spielen: Kent Haruf.

Foto: © Philippe Matsas/Opale/Leemage

Kent Haruf schreibt schlicht und klar, ohne großen Kitsch, von Einsamkeit, von der Liebe, den ganz großen Themen also. Gerade die Einfachheit seiner Worte überzeugt und berührt. „Unsere Seelen bei Nacht” ist eine Geschichte vom Finden des späten Glücks und von Missgunst, die nicht viel braucht, um uns mitfühlen und -leiden zu lassen.



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